Depression – Wege aus der dunklen Nacht der Seele
Der Tod des Tormannes, der offenbar so frei nicht war, sondern der Verzweiflung der Depression gehorchte, wirkt wie ein Fanal. Ein junger, scheinbar vitaler und jedenfalls aufstrebender Fußballstar passt nicht in das herkömmliche Bild des Depressiven. Sein Schicksal aber mag offenbaren, wie weit dieses Krankheitsbild bereits vorgedrungen ist und wie wenig es sich an alte Muster und Vorgaben hält. Das Märchen, das Depressionen vor allem Frauen anhängen will, dürfte damit ebenfalls abgestraft sein. Frauen stellen sich dem Thema nur eher, während Männer dazu neigen, sich zu verkriechen, bis es eben oft – wie bei Robert Enke - zu spät ist. Das Ausmaß der Krankheit wurde mit diesem Selbstmord schlagartig ins Mehrheitsbewusstsein gerückt. Dass so viele Menschen trauerten, zeigt – in meinen Augen – vor allem auch, wie viel Resonanz das Thema Depression auslöst. Da mögen nicht wenige um einen fremden Torwart geweint haben, die zugleich ihre eigene Situation im Auge hatten.
Die Fußball-National-Mannschaft ist nun nicht mehr dieselbe! Ist das Land noch dasselbe? Objektiv hat sich wenig, subjektiv aber viel geändert. Plötzlich ist Bewusstsein da für eines der wichtigsten Themen überhaupt: unsere Sterblichkeit, die Endlichkeit des Lebens. Diese Erkenntnis danken wir Robert Enke.
Die EU-Kommission geht schon länger von 25 % psychiatrisch behandlungsbedürftigen Europäern aus, wovon wiederum 80 % depressiv sind. Da die Landbevölkerung weit weniger betroffen sein dürfte, liegt der Anteil in den Ballungsräumen noch viel höher. Eine Studie verrät obendrein, dass über die Hälfte der depressiven Männer in Deutschland gar nicht diagnostiziert werden. Gerade im Hinblick auf den aktuell erlittenen Depressionsschock steigert das die Dramatik noch einmal furchtbar.
Gerät ein Krankheitsbild so in den Mittelpunkt, wie die Depression, ist das auch ein Zeichen für die ganze betroffene Gesellschaft. Der Logik von „Krankheit als Symbol“ folgend, lässt sich nichts aus der Welt schaffen und wir haben immer nur die Ebenenwahl bei der Verwirklichung anstehender Themen. Die Wahl ist nicht, ob wir unser Herz weiten und wachsen lassen, sondern lediglich auf welcher Ebene. Tragischer Weise tendiert die Mehrheit zur körperlichen Verwirklichung in Form der Herz-Erweiterung oder Herzinsuffizienz, anstatt auf seelischer Ebene auf ein großes weites offenes Herz zu setzen.
Ähnlich ist uns nicht freigestellt, ob wir wachsen wollen, sondern nur wo bzw. auf welcher Ebene. Wer im Erwachsenenalter Wachstum in geistig-seelischer Hinsicht verweigert, dem kann es in den Körper sinken und sich in Gestalt von Tumoren Ausdruck verschaffen.
In der Lebensmitte haben wir auch nicht die Wahl, ob wir Ballast abwerfen, sondern wieder nur auf welcher Ebene, wir es tun. Die Bewusstseinsebene erspart uns die körperliche Form von Knochenentkalkung oder Osteoporose.
„Wieder wie die Kinder zu werden“ ist heute nicht mehr sehr populär. Allerdings ist auch dieser (biblische) Auftrag nicht in unsere freie Verfügung gestellt. Wer ihn verweigert, kann das Thema auf der Körperebene in Gestalt von Morbus Alzheimer erleiden. Kindisch werden statt wieder wie ein Kind die Welt mit den staunenden Augen des Kleinen Prinzen zu entdecken, ist eine deprimierende Wahl.
Im Sinne von „Krankheit als Symbol“ kommen wir der Bedeutung der Depression ebenso rasch auf die Schliche. Der Depressive handelt kaum noch und tut nichts mehr auf Grund seiner Antriebsschwäche. Er fühlt auch nichts mehr, vielleicht das schrecklichste Symptom des schrecklichen Krankheitsbildes. Er denkt im schlimmsten Fall – auf Grund des Sinnmangels – ständig über Selbstmordabsichten nach. Das aber ist nichts anderes als eine – wenn auch extrem unerlöste - Beschäftigung mit dem Tod. Wir haben tatsächlich nicht die Wahl, ob wir uns mit unserer Sterblichkeit auseinandersetzen, sondern wieder nur auf welcher Ebene. Statt die der Philosophie und Religion, wählen heute immer mehr Menschen die der Selbstmordgedanken im Rahmen von Depressionen. Während aber erstere dem Leben Tiefe geben, führen letztere in immer verzweifeltere Zustände. Die Frage „Strick oder Kugel, Gift oder Gas“ kann nicht wirklich weiter helfen.
So wie wir den Tod verdrängen, bleibt in moderner Zeit auch die Trauer auf der Strecke. Wer den Verlust eines Kindes oder geliebten Partners mit Psychopharmaka übersteht, hat alle Chancen, später in die Depression zu rutschen. Natürlich ist der Ratschlag moderner Ärzte, das Unfallopfer nicht mehr anzuschauen und es sich mit den entsprechenden (Heil-?)Mitteln leichter zu machen, gut gemeint. Aber wie schon Brecht sagte, ist das Gegenteil von „gut“ nicht „böse“, sondern „gut gemeint“. So wird man mit dem Thema jedenfalls nicht fertig und wer Trauer lange genug verdrängt, muss mit späteren Depressionen rechnen. Wir sparen gleichsam Trauer auf Depressionen hin.
Die Schulmedizin hat den Ausdruck „endogene Depression“ glücklicherweise abgeschafft. Es war immer denkbar, auch solch tiefe Depressionen zu verstehen und den Weg aus der dunklen Nacht der Seele mit Bewusstsein zu bewältigen. Alle Psychiater von Rang wissen, dass zu medikamentöser Therapie immer auch Psychotherapie gehört, leider meinen sie damit aber kaum je eine wirklich an die Tiefen der Unterwelt rührende Schattentherapie, sondern die kognitive Verhaltenstherapie. Diese nützt zwar an der Oberfläche und kann Rückfälle durch alle möglichen Tricks verhindern, aber für das wesentliche Anliegen der Nachtmährfahrt der Seele greift sie viel zu kurz.
Bei der Depression handelt es sich mythologisch tatsächlich um die Heldenreise der Seele, die absteigen muss, um im Totenreich der Unterwelt dem eigenen Dunkel, dem Schatten und dem Tod, zu begegnen. Die großen mythischen Helden von Orpheus über Herakles und Aeneas bis Odysseus haben diesen Abstieg vollbracht und ihre symbolischen Reisen könnten uns bis heute den Weg durch das Schattenreich weisen.
Aber auch moderne Helden(-reisende) zeigen den Weg, wie Hermann Hesse, dessen Depressionsschübe ihn in die Toskana führten, in jene Landschaft, die seiner Seele Heilung verschaffte. Aber sie führten ihn auch nach Indien, wo er Siddhartha schrieb und seinen Lebenssinn fand. Als ich seinen Lebensweg für mein Depressionsbuch nachvollzog, wurde mir erst klar, wie sehr jeder seiner Romane zugleich die Bearbeitung seiner eigenen lebenslangen Depression darstellte.
Spätestens mit der Lebensmitte stehen die Themen der Sinnfindung und Auseinandersetzung mit dem Tod auch bei modernen Menschen an. Die Probleme im Verweigerungsfall umschreiben wir heute mit Worten wie Pensionsschock, Rentendepression, Leere-Nest-Syndrom, Häuslebauer-Syndrom oder Alterskrise. Pensionsschock und Rentendepression zeigen, wie sehr der ganze Lebenssinn in die Arbeit gelegt wurde, das Leere-Nest-Syndrom, wie nur die Familie zählte und die Alterskrise, den Mangel an Lebensplan und -ziel. Ein Häuslebauer-Syndrom verrät, wie wenig über das eigene Haus hinaus gedacht wurde. Aber nur Sinn, der über dieses Leben hinausweist, gibt die Kraft, solch tiefen Krisen wie der der Depression stand zu halten und mit ihnen fertig zu werden.
Wir haben also nicht die Wahl, ob wir uns mit der eigenen Sterblichkeit auseinandersetzen, sondern nur auf welcher Ebene. In der Depression, die ihm obendrein den Schlaf raubt, hat der Depressive besonders viel Zeit, sich Gedanken über das Sterben zu machen, die Antriebsstörung wird ihn in der tiefen Krise hindern, seine selbstzerstörerischen Gedanken in die Tat umzusetzen. Da er keine Hoffnung mehr kennt und die Vergangenheit gestrichen hat, ist er außerdem auf eine allerdings schreckliche Art im Augenblick (seiner Verzweiflung) angekommen.
Mit ihren enorm steigenden Zahlen hat die Depression allgemeingültige Bedeutung für die ganze Gesellschaft. Im Rahmen der Globalisierung wird die Geschwindigkeit der gesellschaftlichen Abläufe immer schneller. Frei nach Mark Twain ließe sich heute mit noch mehr Recht sagen: „Kaum hatten wir das Ziel aus den Augen verloren, verdoppelten wir die Geschwindigkeit“. Wer aber so schnell ist, kann kaum noch innehalten. Wer nicht mehr inne hält, wird keinen Inhalt mehr erhalten und keinen inneren Halt finden. Ohne Inhalt aber geht der Sinn verloren, und ohne Sinn wird alles sinnlos. Inzwischen leiden immer mehr Menschen an der Sinnlosigkeit ihrer Existenz. Abgeschnitten von jeder Lebensphilosophie und ohne religiöse Anbindung wird das Leben nicht nur ziel- sondern eben auch sinnlos. Das aber beschwört Selbstmordabsichten herauf, und damit sind wir mitten in der Depression.
Verschärfend wirken die Rationalisierungsbestrebungen der modernen Wirtschaft. Der Turbokapitalismus verführt Firmen – von einschlägigen Beratern entsprechend verantwortungsfrei „gecoacht“ – immer mehr Leute auszustellen und die Verbliebenen zu nötigen, die Arbeit der Aus- oder zynischer Freigestellten mit zu übernehmen. Nun lassen sich so genannte Leistungsträger eine Zeit lang durch Druck zu immer mehr Leistung pressen, aber irgendwann ist Schluss. Wenn keine Chance mehr besteht, am Ende des Tunnels Licht zu sehen, der Schreibtisch nicht mehr leer wird, die Arbeit nicht mehr zu schaffen ist, nach dem Urlaub das alte Liegengebliebene mit dem neu Angefallenen eine deprimierende Verbindung eingeht, droht das Burn-out-Syndrom. Dieses halten auch schulmedizinische Psychiater für eine Vorstufe der Depression.
Auf der anderen Seite des Turbos landen die Freigestellten immer häufiger in Arbeitslosigkeit oder Niedriglohn-Jobs. Wenn Arbeitslose gebetsmühlenartig jede Woche mitbekommen, nicht gebraucht zu werden, beziehungsweise das, was sie können, nicht für einen Job reicht, kränkt sie das, und sie neigen vermehrt zu Depressionen. Tatsächlich wurde das schon Anfang des letzten Jahrhunderts im österreichischen Marienthal wissenschaftlich belegt. Deutschland machte es im vergangenen Jahrzehnt bei hoher Langzeitarbeitslosigkeit ebenfalls deutlich.
Bei den Niedriglohn-Jobs ist gar nicht das geringe Einkommen das (medizinisch-psychologische) Problem, sondern der „Job“. Ein Beruf ernährt Körper und Seele, ein Job nur den Körper, und das kränkt die Seele auf Dauer und macht sie krank. Sie braucht Nahrung durch einen Beruf, der sie ruft, der ihr Berufung ist. Wir gehen aber Zeiten mit immer mehr Jobs und immer weniger Berufen entgegen.
Auch das hat Gründe in einem gesamtgesellschaftlichen Phänomen. Wir ignorieren zunehmend das Leben im Augenblick der Gegenwart. Die Bibel will uns letztere mit dem Satz schmackhaft machen: „Sehet die Vögel des Himmels, sie säen nicht und sie ernten nicht und leben doch.“ Statt aber „ganz entspannt im Hier und Jetzt“ zu leben, tendieren wir „ganz verkrampft ins Wenn und Aber“ und fürchten uns vor einer ungewissen Zukunft, während wir mit den Problemen der Vergangenheit längst nicht fertig sind. Diese Verirrung in der Zeit nötigt und zwingt uns nach dem Gesetz der Polarität in den Augenblick. Zwang aber ist immer unangenehm im Vergleich zu Freiwilligkeit.
Wo in der sozialen Welt Arbeitsverhältnisse zunehmend zu Kurzveranstaltungen verkommen, beschuldigen viele die Unternehmer, wer aber ist schuld, wenn Beziehungen dieselbe Tendenz entwickeln. Auf der einen Seite wandelt sich die Lebensarbeitsstelle in Zeitarbeit, auf der anderen wird die „Ehe bis dass der Tod euch scheide“ zur Lebensabschnittspartnerschaft mit dem Trend zu One-night-stands. Beide Tendenzen rauben die Sicherheit und werden land-auf-land-ab beklagt. Sie zwingen in den Augenblick, denn alles andere wird uns genommen. Die gemeinsame Vergangenheit zählt kaum noch in der Wirtschaft, eine gemeinsame Zukunft wird immer weniger angeboten.
Die Ergebnisse zeigen sich auf gesundheitlicher Ebene. Wir wissen heute, dass stabile Partnerschaften und sichere, sinnerfüllte Arbeitsverhältnisse eine Art Bollwerk gegen Depressionen darstellen. Beides aber geht unter dem Druck von Turbokapitalismus und Globalisierung den Bach hinunter. Anstatt darüber ständig zu jammern, könnten wir die Gegenwart wieder entdecken. Wird der Augenblick im alten Sinn des „Carpe diem“ genutzt, ist sogar wieder Zukunft zu gewinnen. Wer seine Vergangenheit im Sinn einer Psycho- beziehungsweise Schattentherapie aufarbeitet, kann am ehesten von ihr loslassen und die Gegenwart genießend im Augenblick landen.
Das Ideal wäre also eine freiwillige Schattentherapie mit Abstieg in die eigene Unterwelt, möglichst lange bevor einen das Schicksal mit Nachdruck beugt und dort hinunter zwingt. Bei der hohen Zahl von Depressionen wäre das eine realistische und zugleich intelligente Option. Natürlich ist auch das Buch „Depression – Wege aus der dunklen Nacht der Seele“ und die zugehörige CD nicht für Menschen in tiefer Depression bestimmt, sondern für solche die sich freiwillig auf den archetypischen Weg durch das eigene Schattenreich vorbereiten wollen.
Aber auch wenn es dafür schon (zu) spät ist und die Depression bereits ausgebrochen, müssen bei einem so schweren Krankheitsbild therapeutisch alle Register gezogen werden. Tatsächlich sind in „Depressionen – Wege aus der dunklen Nacht der Seele“ eine Fülle weiterer praktischer Mittel und Wege beschrieben wie Magnetresonanztherapie verschiedene Ernährungstricks. Bevor man zum Beispiel Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer schluckt, könnte man daran denken, mit einer ebenso einfachen wie natürlichen Rohkost-Variante seinen Serotonin-Spiegel ins Lot zu bringen und ein glücklicheres Leben zu führen (siehe www.heilkundeinstitut.at).
Der Königsweg aber wäre rechtzeitige Psychotherapie im Sinne echter Schattenbegegnung. Wer freiwillig sein Dunkel durchlichtet, wird erfahrungsgemäß nicht dazu gezwungen, wer bereitwillig Sinn im Leben sucht, wird nicht in der Sinnlosigkeit versinken, wer freiwillig inne hält, wird Inhalt finden und erspart sich Zwangsbelehrungen.
Als Abschluss hier noch der Kurztest mit vier Fragen aus dem Buch „Depression – Wege aus der dunklen Nacht der Seele“, der verrät, wie gefährdet der jeweilige Leser bzw. User ist. Die Fragen:
1. Liebe ich den Menschen, mit dem ich lebe?
2. Liebe ich die Arbeit, für die ich lebe?
3. Liebe ich den Ort, an dem ich lebe?
4. Lebe ich so, dass ich morgen gehen könnte, ohne etwas versäumt zu haben?
Wer darauf spontan mit „ja“ antworten kann, ist nicht gefährdet, wer öfter mit „jain“ oder „nein“ reagiert, sollte sich um echte Vorbeugung im Sinne von „Depressionen – Wege aus der dunklen Nacht der Seele“ bemühen.
Literatur zum Thema: Ruediger Dahlke, „Depressionen – Wege aus der dunklen Nacht der Seele“, (Buch und CD)
„Lebenskrisen als Entwicklungschancen“ (Taschenbuch und CD)
„Die Schicksalsgesetze – Spielregeln fürs Leben“ (Buch und drei CDs) (alles bei Goldmann-Arkana-(Audio))
"Krankheit als Symbol" (Bertelsmann)



