Atemtherapie - Der „verbundene Atem“
Der Atem verbindet uns mit dem Leben. Gott selbst hat ihn uns eingehaucht, heißt es in der Bibel. Dem östlichen Mythos zufolge werden uns die Atemzüge von Schicksalsgöttinnen - den germanischen Nornen entsprechend - zugeteilt. Das stimmt mit der Beobachtung überein, dass diejenigen, die ihre Atemzüge hechelnd und schnell verbrauchen, rasch mit dem Leben fertig sind. Wer dagegen einen langen Atem entwickelt, wird von diesem lange durch ein erfolgreiches Leben getragen. Gewinner haben den „langen Atem“, weiß der Volksmund.
Der Atem ist auch ein unverzichtbares Kommunikationsmittel. Alles Lebendige atmet und steht dabei in ständigem Austausch miteinander. Lediglich die Frequenz des Atems variiert sehr stark. Während manche Wasserschildkröten die Luft länger als eine Stunde anhalten können, gelingt dies Menschen höchstens im Minutenbereich. Der menschlichen und tierischen Atmung, die unter Sauerstoffverbrauch die lebenserhaltenden Verbrennungsprozesse im Organismus unterhält, steht die Atmung der Pflanzen gegenüber, die Sauerstoff nicht verbraucht, sondern ihn im Rahmen der Photosynthese erzeugt. So wird die Sauerstoff verbrauchende Oxidation in wunderbarer Weise ergänzt und Pflanzen, Tiere und Menschen sind – seit sie existieren – in einem Atemkreis miteinander verbunden.
Wo immer wir hinschauen, sehen wir Verbindungen, die der Atem schafft und erhält. Sobald wir aufhören zu atmen, fallen wir aus der Verbundenheit und das Leben in der polaren Welt der Gegensätze hört auf. Die Griechen hatten aus gutem Grund nur ein einziges Wort für Hauch und Seele: Psyche. Im hinduistischen Atman klingt auch unser deutsches Wort Atem an. Die Inder sprechen bis heute von Mahatma (was große Seele und großer Atem zugleich bedeutet) und verleihen diese Bezeichnung als Ehrenamen, wie etwa an Mahatma Gandhi. Aber auch wir verschaffen uns mit der Inspiration (wörtlich Einatmung) Zugang zu höheren Einsichten. All das zeigt, dass der Atem auch ein Verbindungsglied zwischen Körper und Seele ist. Und sein Einfluss reicht sogar noch darüber hinaus bis in die göttliche Sphäre, denn die Atemfunktion stellt auch eine einzigartige Beziehung zwischen der Menschenwelt und Gott her beziehungsweise zwischen den Polarität und der Einheit.
Der Atem vermittelt in vieler Hinsicht zwischen den Welten, ist er doch als einzige Organfunktion gleichermaßen vom Willen wie vom Unbewussten steuerbar. Über die Lungenflügel, die uns zu geflügelten Wesen machen, verbindet er die linke, archetypisch weibliche mit der rechten, männlichen Körperhälfte. Und den Oberkörper verbindet er über die Zwerchfellbewegung mit dem Unterleib und den Verdauungsorganen, die durch die rhythmische Atembewegung in einem fort sanften Massagedruck erfahren.
Der Atem steht, wie bereits angedeutet, auch zwischen uns und der Einheit (Gottes). In Momenten transzendentaler Erfahrung, wenn die Grenzen von Zeit und Raum verschwinden und man reines Sein erlebt, kommt der Atem zum Stillstand, ohne dass der Tod eintritt. So gelangt man in die Welt jenseits des Todes, wo alle vertrauten Gesetze, die sich auf Raum und Zeit stützen, ihre Bedeutung verlieren. Weit entwickelte Menschen wie verschiedene indische Gurus haben solche Experimente über sich ergehen lassen, und es zeigte sich, dass sie in diesem ekstatischen Zustand der Transzendenz ganz ohne Atem auskamen. Über Ein- und Ausatem bindet uns die Lungenfunktion an die polare Welt der Gegensätze. Und wenn sie eingestellt wird, hört auch die Welt der Gegensätze für uns auf zu existieren, und es beginnt eine Dimension, der nur noch religiöse Beschreibungen gerecht werden.
An diesem Punkt setzen östliche Atemübungen wie Pranayama an. Die Philosophie des Ostens spricht der Atemfunktion über die reine Versorgung mit Sauerstoff hinaus die Fähigkeit zu, den Organismus mit feinstofflicher Energie (Prana) zu versorgen. Allerdings bedarf es einer hohen Entwicklungsstufe, um allein von Prana leben zu können. Zahlreiche Weise des Ostens, aber auch Nikolaus von der Flühe und Therese Neumann von Konnersreuth sollen ausschließlich von diesen Energiequellen gelebt haben.
Auch wenn eine so hohe Ebene der Atemerfahrung für die meisten Menschen noch unerreichbar sein mag, kann die moderne medizinische Wissenschaft mittlerweile einige Atemgeheimnisse entschlüsseln. Jahrhunderte nach Paracelsus können wir dessen Analogie-Gleichung „Mikrokosmos gleich Makrokosmos“ am Beispiel der Lungen von Mensch und Welt besonders leicht nachvollziehen. Nicht nur von der symbolischen Be-Deutung, sondern auch von der Funktion her entsprechen die Lungenbäume in unseren Brustkörben den äußeren Bäumen der grünen Vegetation. Der menschliche Bronchialbaum steht lediglich auf dem Kopf. Sein Stamm, die Luftröhre, teilt sich in der Tiefe der Brust in zwei Hauptstämme, deren Bronchialäste sich dann immer mehr auffächern bis in die feineren Verzweigungen der Bronchien, um schließlich in die filigranen Bronchiolen zu münden. Den Blättern des grünen Baumes entsprechen die Lungenbläschen oder Alveolen. Beide arbeiten nach der Methode der Oberflächenvergrößerung und holen Sauerstoff im Austausch gegen Kohlendioxid herein - im Fall der Blätter aus der Luft, im Fall der Alveolen aus dem Blut. Würde man die Lungenbläschen einer Lunge alle in eine Ebene ausbreiten, könnte man ein Fußballfeld damit bedecken. Mit den Blättern eines Baumes wäre das auch möglich.
Allein dieser Atemkreis, der alles organische Leben auf diesem Planeten einschließt, könnte uns demonstrieren, dass die östlichen Weisheitslehren nicht zu weit gehen, wenn sie behaupten, alles Leben stehe miteinander in Verbindung. In dieser Hinsicht könnte uns der Atem Achtung lehren vor dem verbindenden und empfindlichen Gewebe des Lebens.
Aber nicht nur der lebensnotwendige Gasaustausch hängt vom Atem ab. Auch jeder zwischenmenschliche Kontakt ist - zumindest was die Sprache angeht - ein Kind des Atems. Sprechen ist nichts anderes als die Modulation des Luftstroms beim Ausatmen. Wir atmen alle dieselbe Luft und teilen uns einander mit, indem wir die Schwingen unserer Atemluft verändern. Kommunikation und Kontakt sind die Themen der Lungen.
Moderne Geräte, so genannte Voice analyzer können einiges über die seelische Situation des Sprechers verraten. Besonders das Angstniveau zeigt sich in der Stimme, aber auch im stimmlosen Atem. Nur wer ohne Angst ist, kann frei durchatmen und sprechen. Ansonsten kommt der Atem eher gepresst und gegen einen Widerstand heraus, der seinerseits Symbol für den Widerstand gegen das Leben ist. Wo der Atem stockt, sind Angst und Schrecken nicht fern. Wenn man nicht dieselbe Luft mit jemandem atmen will, lehnt man den anderen ab, und oft hat man sogar Angst vor ihm. Wo es eng wird im Leben, kann der Atem nicht mehr frei fließen.
Hinzu kommt, dass der Beginn des Atmens in der polaren Welt untrennbar mit der Enge des Geburtskanals verbunden ist. Für die meisten von uns, die das Licht der Welt erblickten, bevor Frederic Leboyer die Geburt von beängstigenden Zwängen und Schikanen befreite, war der erste Atemzug ein denkbar schreckliches, mit großer Angst verbundenes Erlebnis. Kaum waren wir der Enge des Geburtskanals entronnen, wurde unsere noch pulsierende Nabelschnur gekappt und wir erlebten ein existentiell bedrohliches Erstickungstrauma. In dieser panischen Angst vor dem Ersticken mussten sich die Lungenflügel ruckartig entfalten, was zu einem überwältigenden Schmerz führte. Dieses brennende Gefühl war in der Regel so entsetzlich, dass die meisten der solcherart zur Begrüßung gequälten Seelen fortan nie mehr einen so tiefen Atemzug wagten. Das Ergebnis ist jenes „Geatme“, das wir bei vielen erleben, die sich nur einen geringen Teil der Energie nehmen, die ihnen eigentlich zustünde.
Auf der anderen Seite kann die spätere Begegnung mit dem eigenen vollen Atem, wie die Therapie mit dem „verbundenen Atem“ sie ermöglicht, zu ganz unglaublichen Energiephänomenen führen und uns zeigen, dass wir eigentlich ganz anders gemeint sind. Bei dieser Atemtechnik werden Ein- und Ausatem ohne Unterbrechung zu einer Art Atemkreis verbunden. Auf diese Weise wird viel mehr Sauerstoff beziehungsweise Prana hereingeholt und deutlich mehr Kohlendioxid abgeatmet. Das Ergebnis ist eine Überschwemmung des Organismus mit Energie. Dieser Überfluss äußert sich nicht nur in einer fließenden und vibrierenden Lebendigkeit in allen möglichen Körperregionen, sondern auch darin, dass der ungewohnt mächtige Energiestrom an Barrieren und Blockaden brandet und hier zu Empfindungen der Enge und Verkrampfung führt. Wenn die Betroffenen den Einatemstrom dann kontinuierlich weiter fließen lassen, wird seine Kraft immer stärker und kann die Blockaden schließlich wegspülen, was Befreiung und Erleichterung mit sich bringt, die bis in transzendente Bereiche führen können. Meiner Erfahrung nach verbessert keine andere Therapieform die energetische Situation in so kurzer Zeit und mit so geringem Aufwand so nachhaltig wie der „verbundene Atem“. Der Atem wird hier geradezu zum Königsweg.
Den befreienden Erfahrungen auf der körperlichen Ebene entsprechen ähnliche Erlebnisse im seelischen Bereich. Knoten, die energetisch aufweichen, verschwinden auch körperlich und können seelisch leichter losgelassen werden. Selbst spirituelle Ebenen der Erfahrung werden über den verbundenen Atem zugänglich, und nicht selten sind Gipfel- und Lichterfahrungen ein Teil dieses Weges. Diese Erfahrungen entziehen sich unseren, an polare Sinneswahrnehmungen gebundenen sprachlichen Darstellungen, zumal Raum und Zeit in diesen Bereichen nicht mehr existieren. Was dem äußeren Betrachter - etwa dem Atemtherapeuten - wie eine Minute vorkommt, kann für den Transzendierenden eine zeitlose Erfahrung der Einheit und Unendlichkeit sein.
Analog zur Tiefenpsychologie, die sich der mythologischen Assoziationen der Antike bediente , um ihre Erfahrungen mit Bildern beziehungsweise Archetypen zu umschreiben, wäre der verbundene Atem ein Mittel der Höhenpsychologie, um Vorgriffe auf die himmlischen Sphären unseres letztendlichen Lebensziels zu ermöglichen. Insofern möchten wir den verbundenen Atem als Mittel der vierwöchigen Reinkarnationstherapie nicht mehr missen, denn wo wir mit Werkzeugen der Tiefenpsychologie Schatten erfahren und verarbeiten, brauchen wir als Gegengewicht die Leichtigkeit des verbundenen Atems, der uns - allerdings meist erst nach dem Durchatmen entsprechender Barrieren - in die lichten Höhen unserer eigentlichen Bestimmung führen kann. Der verbundene Atem lässt sich allerdings auch für den Weg durch die Tiefen der Seele nutzen, wie etwa in der später entstandenen Methode des Holotropen Atmens nach Grof.
In einem Energiesystem, das nicht oder nur selten gespürt wird, wirkt der Überfluss an Lebenskraft beziehungsweise Prana manchmal wie eine Revolution, manchmal wie eine sanfte, aber bestimmte Reformation und Neuordnung der Energieverhältnisse. Unberührt lässt er kaum jemanden. Selbst hart gesottene Realisten und Materialisten befinden sich nach wenigen Minuten verbundenen Atmens in Welten, in denen Energien und Seelenbilder bestimmend sind und Kritik und Ratio zurücktreten.
Später ist immer noch genug Zeit für rationale Erklärungen, wie die wissenschaftliche Forschung sie anbietet. Diese reichen allerdings nicht sehr weit, da die Schulmedizin solche Atemprozesse meist schon im Anfangsstadium abwürgt. Sobald sich die ersten Anzeichen von Verkrampfung zeigen, die meist nur die Signatur des Embryos kurz vor der Geburt abbilden, spricht man im schulmedizinischen Lager von Hyperventilationstetanie, Hyperkapnie, und so weiter und unterdrückt den Prozess mit Calzium- oder Valiumgaben. Dabei handelt es sich offensichtlich um einen Selbstheilungsprozess des Organismus, in dem dieser eine ursprünglich nicht verarbeitete Engesituation durch nochmaliges bewusstes Durchleben zu überwinden und zu integrieren sucht.
Das unglaubliche Gefühl von Freiheit danach, die neu gewonnene Möglichkeit, (be-)frei(t) (durch)atmen zu können, die unbeschreibliche Leichtigkeit des Seins lassen beim Erlebenden jeden Zweifel am Sinn solchen Erlebens schwinden. Es ist die existentielle Erfahrung, mittels der eigenen (Lungen-)Flügel zu einem geflügelten, wenn nicht gar himmlischen Wesen zu werden, das sich seiner eigentlichen Bestimmung nähert.
Als Ergänzung und Gegenpol zur Tiefenpsychologie brauchen wir eine Höhenpsychologie und die Offenheit für Erfahrungen der Einheit, wie sie der verbundene Atem ermöglicht. Dass dieselbe Situation, die wir und andere Therapeuten, wie etwa Stanislav Grof und Leonard Orr (Rebirthing), absichtlich herbeiführen, von vielen Schulmedizinern nach wie vor als behandlungswürdiges Problem missverstanden wird, ist eine eigentümliche Stilblüte unserer an Gegensätzen so reichen Zeit. Hier werden unübersehbare Chancen vertan.
Die Therapie mit dem verbundenen Atem ist zum Beispiel eine wunderbare und mit wenig Aufwand verbundene Möglichkeit, sein eigenes Geburtstrauma zu klären. Von daher wäre sie die beste denkbare Geburtsvorbereitung, könnte sie doch verhindern, dass das Geburtstrauma und die damit verbundene Angst von Generation zu Generation weitergegeben werden. Doch solange die Schulmedizin hier jahrzehntelanger Erfahrungen zum Trotz von einer schwerwiegenden Symptomatik ausgeht, werden weder Hebammen noch Gynäkologen diese Chance im Sinne der Schwangeren zu nutzen wagen.
Mittlerweile hat die Methode jedoch Eingang in die verschiedensten Psychotherapierichtungen gefunden und leistet ausgesprochen gute Dienste bei der energetischen Aufarbeitung von Blockaden und emotionalen Behinderungen oder bei der Therapie von Ängsten. Eine Fülle von Krankheitsbildern, die mit einer gestörten Atemfunktion zusammenhängen, könnten hier ebenfalls Erlösung oder zumindest Erleichterung finden. Der Asthmatiker, der in der Regel das Einatmen überbetont und deshalb gar nicht mehr zum Ausatmen kommt, könnte im harmonischen Fließenlassen des verbundenen Atems gleichsam ein Ritual zur Heilung seiner Einseitigkeit finden. Die zeitlose biblische Weisheit, dass Geben seliger ist als Nehmen, wird von diesem Krankheitsbild in eindrucksvoller Weise verdeutlicht, und der verbundene Atem könnte beim Umsetzen dieser Erkenntnis in die Praxis von großem Nutzen sein.
Bei diesem und verschiedenen anderen Krankheitsbildern liegt das Erfolgsgeheimnis - wie so häufig - im homöopathischen Ansatz: Der Enge der Angst wird mit dem neuerlichen Durchleben zum Beispiel der Geburtsangst homöopathisch die Spitze genommen. Der verbundene Atem ist also sowohl ein Selbstheilungsversuch des Organismus als auch ein wichtiges therapeutisches Mittel zur Beseitigung energetischer Hindernisse und zur Verwirklichung des eigenen Potentials. Unsere gewöhnliche Art zu atmen reicht zum Überleben. Aber Leben ist viel mehr. Der verbundene Atem kann die Tür dazu öffnen.
Literatur
Ruediger Dahlke: Die Leichtigkeit des Schwebens, Integral, München,
Ruediger Dahlke, Andreas Neumann: Die wunderbare Heilkraft des Atmens, Integral, München, 2000
Portrait
Nach dem Medizinstudium Weiterbildung zum Arzt für Naturheilwesen, in Psychotherapie und Homöopathie, seit 1978 als Psychotherapeut, Fastenarzt und Gruppenleiter tätig. Ab 1989 Aufbau und Leitung des Heil-Kunde-Zentrums in Johanniskirchen zusammen mit seiner Frau Margit. Entwicklung einer weit reichenden Theorie der ganzheitlichen Psychosomatik unter Einbezug spiritueller Themen, wie sie sich in den Bestsellern Krankheit als Symbol und Krankheit als Sprache der Seele ausdrückt.
Informationen zur Atemtherapie erhalten Sie unter www.dahlke.at
Finden Sie einen Atem-Therapeuten in Ihrer Nähe auf www.verbundeneratem.net - der Internet-Plattform des Netzwerks „Verbundener Atem".


