Aromatherapie
Sicher kennen Sie diese oder eine ähnliche Situation: Nach einem anstrengenden Arbeitstag im Büro setzen Sie sich ins Auto oder in die Bahn und fahren hinaus vor die Tore der Stadt, um in einem schönen Nadelwald spazieren zu gehen. Es hat geregnet, doch nun scheint die Sonne. Ein balsamischer Duft liegt in der Luft. Sie betreten den Wald - und atmen unwillkürlich tief ein. Sie fühlen sich wie befreit. Verspannungen lösen sich. In diesem Moment erhalten Sie eine aromatherapeutische Behandlung von Mutter Erde. Wie riesige Duftlampen verströmen die Bäume ihr ätherisches flüchtiges Nadelbaumöl in die Luft, welches Ihre Atmung reflektorisch vertieft und Ihre Seele entspannend und belebend zugleich berührt.
Es ließen sich unzählige weitere Beispiele anführen, die belegen, welch heilende Wirkung ätherische Öle aus der Natur auf den Menschen haben. Sie bilden die Grundlage der heutigen Aromatherapie, welche die Pflanzendüfte kontrolliert zum Heilen verwendet. Wir „verstehen“ die Duftbotschaften der Natur. Und wenn die Natur etwas wirklich Überlebensnotwendiges von uns fordert, zum Beispiel unsere Fortpflanzung, setzt sie auf die sichere Wirkung der von ihr entwickelten Düfte. Schon vom ersten Moment unseres Daseins auf diesem Planeten an lenkt sie damit unser Schicksal: Menschliche Spermien besitzen Riechrezeptoren, und sie werden durch einen maiglöckchenartigen Duft zu erhöhter Schwimmgeschwindigkeit angeregt und zielsicher zur Eizelle gelenkt. Auch wenn es um die Nahrungsaufnahme geht, setzt die Natur Düfte ein. Der Duft der Speisen, der Wohlgeruch bestimmter Gewürze steigt uns angenehm in die Nase und lässt uns das Wasser im Munde zusammenlaufen. Wir bekommen Appetit, Verdauungssäfte werden produziert und wir können so die Nahrung besonders gut aufschließen und verwerten. Düfte machen Lust auf Leben.
Uralte Wurzeln
Die Wurzeln der heutigen Aromatherapie reichen zurück bis zu den Lagerfeuern der Jäger- und Sammlerinnen. Wahrscheinlich bemerkten die Menschen damals, dass der aufsteigende Rauch einen spezifischen Duft mit sich trug und eine bestimmte Wirkung entfaltete, je nachdem, welche harzreichen Hölzer und aromatischen Pflanzenteile auf und um das Feuer gelegt worden waren. Vielleicht hielt der eine oder die andere einen schmerzenden Körperteil über den duftenden Rauch von Wacholderholz und spürte die schmerzlindernde Wirkung. Der Duft hat aber auch eine spürbare Wirkung auf Gefühle und Stimmungen. Er kann erheitern, zuversichtlich stimmen, Angst lösen, beruhigen oder anregen. Aber die Menschen spürten damals auch die geistige Wirkung der Düfte. Das Entzünden von Räucherwerk gehört deshalb zu den ältesten rituellen und sakralen Praktiken der Menschheit. Seit diesen Ursprüngen der Aromatherapie und bis weit in unsere Zeit hinein ist das Heilen mit aromatischen Substanzen eine ganzheitliche Anwendung, die alle Ebenen des menschlichen Daseins mit einbezieht und in der das Sakrale eine übergeordnete Rolle spielt. Selbst wenn wir ätherische Öle heute kontrolliert und speziellen, rein körperlichen Erkrankungen zugeordnet anwenden, sprechen uns diese Botschaften der Mutter Erde ganzheitlich an. Das ist sicher der Grund dafür, dass Pflanzendüfte ein umfassendes Wohlgefühl in uns erzeugen und helfen, unsere innere Balance zu finden.
Vom Lagerfeuer zur Aromatherapie
Die Ägypter waren Meister der Räucherkunst. Sie entwickelten komplexe Mischungen mit erprobten Wirkungen, zum Beispiel die berühmte Räuchermischung Kyphi, die aus 16 wirksamen Bestandteilen zusammengesetzt war. Auch die folgende Mischung, deren Rezeptur auf einem Papyrus überliefert ist, gehörte zum Räucherschatz des Alten Ägypten. Ihr würziger, harmonischer Duft verhilft zu innerer Balance und Ruhe.
Ägyptium
1 Teil Mastixharz, 1 Teil Weihrauchharz, 1 Teil süßes Myrrheharz, 1 Teil Zimtrinde, ½ Teil Kalmuswurzel, 1 Teil Styrax
Die Räucherstoffe werden im Mörser pulverisiert und dann in Einzelmengen von jeweils einer Messerspitze auf ein glühendes Räucherkohlestück gelegt.
Die aromatherapeutischen Anwendungen wurden zur Zeit der Hochkulturen weiterentwickelt und verfeinert. In den schriftlichen Aufzeichnungen dieser Zeit finden wir Beschreibungen noch heute gebräuchlicher Zubereitungsarten, zum Beispiel der Inhalation. Auf einer babylonischen Schrifttafel heißt es dazu: „Den Kranken sollt ihr lagern, sein Gesicht sollt ihr bedecken, Zypressenholz und Kräuter verbrennen.“ Der Kranke wurde angewiesen, die aufsteigenden Dämpfe einzuatmen. Heute wissen wir, dass die bakteriziden, entzündungshemmenden und schleimlösenden Wirkstoffe der ätherischen Öle Erkältungskrankheiten lindern und heilen können.
Im antiken Ägypten, in Griechenland und in Rom beherrschte man die Kunst, die ätherischen Öle aus dem Pflanzenmaterial zu extrahieren und zu wirksamen Heilmitteln wie Salben, Ölen, Pillen, Pflastern, und so weiter zu verarbeiten. Doch erst im 10. Jahrhundert n. Chr. brachten die Araber die Technik der Wasserdampf-Destillation zur Herstellung von reinen ätherischen Ölen nach Spanien. Diese Erfindung - eigentlich eine Wiederentdeckung - wird dem arabischen Arzt und Philosophen Avicenna (980 - 1037 n. Chr.) zugeschrieben. In seinen Schriften finden sich nicht nur Hinweise auf die Heilung körperlicher Leiden durch ätherische Öle, sondern auch Anweisungen zur Heilung krankmachender Einstellungen und Gefühle.
Im deutschsprachigen Raum geht die Einführung der Destillation und damit die Verwendung reiner ätherischer Öle zu Heilzwecken auf Paracelsus zurück (1. Hälfte des 16. Jahrhunderts). Das Wissen um die heilende Kraft der Pflanzendüfte lebte, von der Schulmedizin meist unbeachtet, in der Volksheilkunde weiter bis in unsere Zeit.
Die Renaissance der Aromatherapie
Vor einigen Jahrzehnten erlebte die Aromatherapie eine Wiederbelebung und erfreut sich mittlerweile neuer Wertschätzung. Als Vater der modernen Aromatherapie gilt der französische Chemiker René-Maurice Gattefossé. Er prägte den Begriff „Aromatherapie“ und publizierte ihn als erster im Titel seines 1928 erschienen Buches. Mit ihm und dieser neuen Epoche wird vor allem das Lavendelöl in Verbindung gebracht. Bei einer Explosion in seinem Labor erlitt Gattefossé schwere Verbrennungen, die er mit zufällig in einer Schale bereitstehendem Lavendelöl behandelte. Zu seinem Erstaunen stellte er fest, dass der Schmerz sofort nachließ und dass die Wunden ohne Infektionen und Narben rasch heilten. Noch heute empfiehlt die Aromatherapie das reine Lavendelöl zur Behandlung von Wunden, Verbrennungen und Insektenstichen.
In den 1980er Jahren erlebte die Aromatherapie auch in Deutschland eine Renaissance. Basierend auf dem traditionellen Wissen der Naturheilkunde gilt sie hier als Bestandteil der Phytotherapie und wird hauptsächlich in der häuslichen Pflege sowie von Angehörigen der Pflege- und Heilberufe eingesetzt. In unzähligen wissenschaftlichen Studien, die mittlerweile im In- und Ausland durchgeführt wurden, konnte die Wirksamkeit der Aromatherapie zu einem großen Teil eindeutig belegt werden.
Mein Weg zur Aromatherapie
Seit meiner Kindheit stehe ich mit Heilpflanzen in Verbindung. Mein erstes Kräuterbuch schenkte mir mein Großvater, als ich zwölf Jahre alt war. Seither hat mich das Thema nicht mehr losgelassen. Da ich mich auch intensiv mit Alchemie beschäftige, sprach mich 1974 eine Bekannte an: „Ich habe ein altes Haus gekauft. Es gehörte einem Naturheilkundler und Alchemisten. Sein Labor mit den Kräuterzubereitungen steht noch Im Keller. Komm doch mal vorbei und nimm, was du brauchst.“ So kam ich praktisch über Nacht zu einer umfangreichen alchemistischen Bibliothek, zu Destillationsgeräten und zu einer großen Sammlung ätherischer Öle. Basierend auf meinem bisherigen Wissen und dem, was ich in meinen Ausbildungen in Phytotherapie, Spagyrik und Ayurveda gelernt hatte, begann ich nun, mit den Ölen zu experimentieren.
Ein paar Jahre später setzte ich die Aromatherapie in meiner naturheilkundlichen Praxis ein und begann, Interessierte aus Pflege- und Heilberufen, Hebammen und Physiotherapeuten, aber auch Laien zu unterrichten und mein Wissen in Büchern zu publizieren.
Was sind ätherische Öle?
Als „Seele der Pflanzen“ bezeichneten die Alchemisten die ätherischen Öle, jene faszinierenden Duftstoffe, welche die Pflanzen selbst für alle möglichen Zwecke einsetzen: um Krankheiten vorzubeugen, als Kommunikationsmittel untereinander, aber auch um bestäubende Insekten anzulocken oder als Schutz vor Tierfraß. Sie regeln damit ihre Temperatur, den Wasserhaushalt und vieles mehr.
Ätherische Öle können mit Fug und Recht als die kostbarsten Geschenke der Natur bezeichnet werden. Zu ihrer Gewinnung braucht man nämlich riesige Mengen an Pflanzenmaterial. Um durch Wasserdampf-Destillation einen Liter Jasminöl zu erzeugen, benötigt man tausend Kilo frische Blüten, für einen Liter Orangenöl dreihundert Kilo Orangenschalen. Das erklärt auch den oft sehr hohen Preis reiner ätherischer Öle und verpflichtet zu einem bewussten Umgang mit ihnen: Reine ätherische Öle sollen gebraucht, aber nicht verbraucht oder gar verschwendet werden. Synthetisch hergestellte Duftstoffe sind natürlich viel billiger, haben aber keinen Heilwert und dürfen daher nicht in der Aromatherapie verwendet werden.
Wie ätherische Öle wirken
Die in der Luft verteilten Duftmoleküle gelangen mit jedem Atemzug in die Nasenhöhle und kommen dort in Kontakt mit der Riechschleimhaut. Hier werden die chemischen Reize in elektrische Impulse umgewandelt, die nicht wie bei anderen Sinnen über Nervenbahnen zuerst zur Großhirnrinde geleitet werden, sondern direkt ins Zentrum unseres Gehirns. So an der Kontroll- und Zensurstelle vorbeigeschleust, gelangen sie in Hirnregionen, in denen Gefühle und Erinnerungen auslöst werden. Über Botenstoffe werden vegetative und hormonelle Reaktionen beeinflusst. Dies erklärt die psychovegetative Wirkung der Düfte. Sie machen wach oder schläfrig, wecken Erinnerungen und Gefühle, stimulieren unsere Sexualtätigkeit, können Angst und Depression lindern.
Als Angst lösend gelten in der Aromatherapie unter anderem die Öle aus Lavendel, Geranie, Neroli, Dill, Galbanum und Zeder.
Hilfreich bei Depressionen sind die Öle aus Grapefruit, Eisenkraut, Myrthe, Geranie, Bergamotte, Douglasie, Basilikum und Neroli.
Bei nervöser Erschöpfung helfen Thymian, Rosmarin, Koriander, Angelika, Galgant, Rose, Muskatellersalbei und Sandelholz,
bei Schlafstörungen Lavendel, Melisse, Lorbeer, Lärche, Waldmajoran, Rose und Benzoe und
bei Konzentrationsschwäche Zitrone, Minze, Ysop, Zypresse, Eukalyptus und Eisenkraut.
Düfte können auch unsere körpereigene Regenerationsfähigkeit anregen und helfen so dem Körper, sich wieder neu zu regulieren und zu revitalisieren.
Da sie zusätzlich auch noch körperliche Wirkungen haben - auf die Haut aufgebracht wirken sie beispielsweise entzündungshemmend, durchblutungsfördernd, entgiftend und wundheilend -, bieten die ätherischen Öle eine wirklich ganzheitliche Therapie.
Ätherische Öle zum Wohlfühlen
Ätherische Öle bedeuten auch Lebensqualität, denn sie unterstützen uns auf allen Ebenen und sorgen sowohl für ein seelisches als auch für körperliches Wohlgefühl. Mit bestimmten Trägerstoffen lassen sie sich zu wohltuenden, entspannenden, anregenden und harmonisierenden Raumbeduftungen, Bädern, Körperölen, Crèmes, und so weiter verarbeiten. Für die Aromamassage werden sie mit kalt gepressten, hochwertigen Pflanzenölen gemischt.
Körperöl für eine entspannende Massage
In 10 ml Jojobaöl werden 2 Tropfen ätherisches Waldmajoranöl und 2 Tropfen Lavendelöl verschüttelt.
Für Bäder werden die ätherischen Öle mit einem natürlichen Trägerstoff wie Salz, Sahne, Honig, Molke oder Weizenkleie wasserlöslich gemacht.
Wohlfühlbad
In einem Schraubglas werden 4 Esslöffel Salz aus dem Toten Meer mit 15 Tropfen Linaloeholzöl, 5 Tropfen Geranienöl und 5 Tropfen Mandarinenöl verschüttelt. Das so behandelte Salz wird dann im Badewasser aufgelöst.
Ätherische Öle zum Heilen
Ätherische Öle sind hochkonzentrierte Pflanzensubstanzen, die nur mit Fachwissen zu Heilzwecken eingesetzt werden sollten. Im klinischen Bereich, in der ambulanten Pflege, in Seniorenheimen, in der Hebammenpraxis und im Hospiz kommen sie inzwischen erfolgreich zur Anwendung. Für die häusliche Pflege eignen sich einige Öle, die mit etwas Kenntnis auf einfache und unproblematische Weise zur Inhalation, für Bäder, Waschungen, Kompressen sowie zur Raumdesinfektion verwendet werden können. Dazu gehören Lavendel, Minze, Douglasie, Weißtanne, Myrthe, Kamille, Rosmarin, Mastix und Eukalyptus.
Der Spruch, den ich an den Schluss dieses Beitrags stelle, wird Aviennca zugeschrieben. Er erfasst die Bedeutung der schönen Pflanzendüfte, wie ich finde, auf wunderschöne Weise.
((Zitat Anfang))
„Wer zwei Brote hat,
verkaufe eines und kaufe sich Narzissenblüten dafür,
denn Brot ist nur dem Körper Nahrung,
die Narzisse aber nährt die Seele.“
((Zitat Ende))
Literatur
Susanne Fischer-Rizzi: Himmlische Düfte. AT, Aarau 2002
Susanne Fischer-Rizzi: Duft und Psyche. Hugendubel, München 1998
Susanne Fischer-Rizzi: Botschaft an den Himmel. AT, Aarau, 2002
Portrait
Susanne Fischer-Rizzi, geb. 1952, beschäftigt sich seit ihrem 12. Lebensjahr mit Heilpflanzen und gibt ihr Wissen seit über dreißig Jahren in Seminaren, Vorträgen und Büchern weiter. Sie gilt als Spezialistin für Phytotherapie hat entscheidend dazu beigetragen, die Aromatherapie in Deutschland zu etablieren.
Nach dem Studium der Philosophie absolvierte sie an der Josef-Angererschule in München eine mehrjährige Ausbildung zur Heilpraktikerin und lernte danach viele Jahre lang bei Kräuterheilkundigen und Schamanen im In- und Ausland.
Derzeit ist sie vor allem als Dozentin in der von ihr gegründeten Schule ARVEN für Heilpflanzenkunde, Aromatherapie und Wildniswissen tätig.
Bisher sind elf Bücher von ihr erschienen, die auch in viele Sprachen übersetzt wurden.
Kontakt
Weite Informationen zur Arbeit von Susanne Fischer-Rizzi finden Sie im
Internet: www.susanne-fischer-rizzi.de


