Die Welt im Wandel. Vom Schatten ins Licht?

Ruediger Dahlke

Die Welt ist wieder im Umbruch, alte Dinos müssen abtreten und es ist nur noch die Frage, ob die jungen Himmelstürmer hart wie Saturn sind und ihre Jahrzehnte lange Peiniger hinrichten oder ob sie milde wie Jupiter ihre Despoten davonkommen lassen. Mit oder ohne all ihren zusammengestohlen Milliarden?

Das Wassermannzeitalter ist Diktatoren-feindlich und Facebook und Twitter sind nicht mehr zu kontrollieren. Auch wenn die alten Betonköpfe an den Machthebeln das Internet abschalten, bleiben die Handys und bringen Bilder und Berichte von überall nach überall. So kann sich die Flamme wie ein Lauffeuer ausbreiten und das Feld wächst und schwappt über alle Grenzen. Und was den Ägyptern ihr Mubarak, den Libyern ihr Gaddafi, ist den Persern ihr Amadineshad und selbst den Russen ihr Putin ... Jetzt kann vieles auffliegen ... Von Lappalien wie der geschummelten Dissertation eines deutschen Ministers bis zu den Machenschaften der Mubaraks und Gaddafis, die sich und die ihren gnadenlos bereicherten, während ihr Volk darben musste.

 

Zu hoffen ist, dass die jungen Rebellen bald ihre Energie in die Entwicklung ihres eigenen Land stecken können. Wie wundervoll, wenn sie an der Zukunft ihrer Länder mitarbeiteten, anstatt am eigenen und dem Tod anderer. All die Diktatoren dieser Welt von China bis Persien, von Nordkorea bis Jemen, wie mögen sie sich jetzt fühlen, wo es nur noch eine Frage der Zeit zu sein scheint, bis die Woge auch ihr Land erfasst und sie in den Abgrund der Geschichte spült? Und welches Land wird von der Geschichte abgestrafte Gestalten wie Gaddafi und Amadineshad aufnehmen und Ihnen Exil gewähren? Was für ein schöner Gedanke auch, wenn in Zukunft jeder putschende Oberst, jeder Politverbrecher sicher sein könnte, irgendwann auf jeden Fall seinem Den Haag und seiner Carla Ponti zu begegnen. Letztlich wird das Schattenprinzip immer für Ausgleich sorgen, dessen bin ich sicher, aber es ist beruhigend, seine Wirkung nun schon in aller Öffentlichkeit zu beobachten auch wenn es natürlich mit schrecklich vielen Opfern verbunden ist.

 

Was Angst vor dem Schatten ist, kann sich jeder vorstellen, der sich jetzt in die Haut eines Amadineshad im Iran, eines Assad in Syrien, Salih in Jemen oder der Könige von Amerikas Gnaden wie Hamad in Bahrein oder Abdullah in Saudi-Arabien versetzt. Wie mag sich auch ein Obama fühlen ob seiner vor aller Welt zur Schau getragenen Doppelbödigkeit. Wo es kein Öl gibt, wie in Ägypten, werden die alten Freunde fallen gelassen zugunsten von „Volk und Demokratie“. Wo es aber Öl, eigene Truppenstützpunkte und eigene Interessen gibt, wie in Bahrein oder Saudi-Arabien, dort herrscht das große Schweigen. Dass ihm selbst zum Massenmörder in Libyen nur Zögerliches einfiel, spricht Bände, denn selbst Condoleeza Rice, eine der obersten Bush-Kriegerinnen, hat inzwischen bekannt, man habe oft auf die falsche Stabilität gesetzt. Obama meint gleichzeitig, die Italiener und Franzosen könnten da in Libyen besser eine Luftüberwachung machen. Ausgerechnet jene Italiener, deren Berlusconi seinen Freund Gaddafi bei jeder Gelegenheit an den Busen gedrückt und ihm die Hand geküsst hat.

 

Da können die Deutschen geradezu stolz sein auf ihre Angela und Mutter der Nation, die - wenn auch blind auf dem Atomauge – doch wenigstens Leute wie Gaddafi meidet und, auch wenn das heutzutage noch immer politisch inopportun ist, dafür den Dalai Lama empfängt. Aber auch sie wurde dieser Tage vom Schatten eingeholt, auch wenn sich der vergleichsweise winzig ausnimmt: Man ist die Wachstumslokomotive Europas, hat mehr offene Stellen als Arbeitswillige und sogar hoffnungsvolle junge Politpersönlichkeiten wie den bayrischen Freiherrn mit Charme und Charisma, dem man zutrauen konnte, zum Wirtschaftsglück auch noch substanziell positive Stimmung zu schaffen. Und dann fliegt der mit einem Thema auf, das banaler nicht sein könnte. Vielleicht sollte ja aber auch in der Wissenschaft mal einiges auffliegen. Nicht umsonst kursiert der Spruch: Wenn man aus einem Buch abschreibt, ist es ein Plagiat, wenn man aus zweien abschreibt, ein Essay, wenn man aus vielen abschreibt, eine Dissertation. Nichts anderes ist nämlich vielfach gewünscht. Wenn ich an meine Doktoranden-Arbeit vor gut 30 Jahren zurückdenke, wollte ich damals doch tatsächlich schon etwas Neues machen, nämlich meine deutende Psychosomatik. Von Korrektur zu Korrektur machte man mir aber klar, dass eigene Gedanken im Gegensatz zu Literaturstellen durchaus unerwünscht sind. Viel Abschreiben bringt in dieser Art von Wissenschaft, die außer Haufen von Papier gar nichts schafft, die guten Noten. Der Freiherr hat nur zu zitieren vergessen - da hätte er sich mal bei „richtigen“ Wissenschaftlern umhören sollen. Viele von denen bilden Zitierkartelle und schreiben sich ständig gegenseitig ab, damit sie zu den Vielzitierten zählen, um dann in naiven Hitparaden naiver Journalisten weiter oben zu rangieren. Was für ein völlig legaler Schwachsinn!

 

10 % aller deutschen Studien seien geschwindelt, um an Forschungsgelder zu kommen, darf ein deutsches Nachrichtensystem behaupten. Es scheint wohl so zu sein, dass der Freiherr so frei war, im großen Stil abzuschreiben, nur hat er es offenbar gar nicht bemerkt und so das Zitieren vergessen, was in diesem Ausmaß niemand glauben kann. Und so ist es wissenschaftlicher Betrug. Man könnte nun sagen, wenn sich Politiker außer wissenschaftlichem Betrug nichts zu schulden kommen lassen würden, können wir froh sein. Und dennoch liegt natürlich mehr dahinter. Dass Guttenberg und Merkel geglaubt haben sich mit einem Schwindel durchschwindeln zu können, war eine Fehleinschätzung. Vieles fliegt - ganz nach dem Drehbuch des „Schattenprinzips“ - auf in diesen Tagen. Wir dürfen gespannt sein, was noch kommt.

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